Sichelschmiede

Werkstatt für Friedensarbeit in der Kyritz-Ruppiner Heide



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Wo übt die Luftwaffe?

... zum Beispiel in Schweden

Interview mit Ilona Riesz, Frauen für den Frieden Kiruna, Schweden

Vom 8.-16. Juni 2009 führte die NATO Response Force in Lappland im nördlichen Schweden eine Luftwaffenübung unter dem Namen „Loyal Arrow“ durch. Die Friedensbewegung hat sie umgetauft zu „Royal Error“. Das Szenario: Nichtdemokratische Gruppen wollen im Land „Lapistan“ Öl und andere Naturschätze in der Arktis ausbeuten, wenn das Permaeis schmilzt. Diese Übung hat nicht zufällig in Lappland stattgefunden. Es geht um das Öl in der Barentsee, an dem auch die Russen Interesse haben. Beteiligt waren an der Übung Militärflugzeuge aus Finnland, Schweden, Norwegen, Deutschland, Großbritannien, Italien, Portugal, der Türkei, den USA. Die Einsatzzentrale für das Manöver war auf der NATO-Basis Bodø (sprich „Bode“) in Norwegen. Gleichzeitig lagen vom 6.-8. Juni 42 Marinefahrzeuge bei Karlskrona.

Sichelschmiede: Ilona, wie kommt es, dass du hier in Büchel auf dem Camp gelandet bist?

Ilona: Im Januar 2008 habe ich mit einer Gruppe Frauen, die sich Frauen für den Frieden nennen, das Schneefestival in Kiruna besucht. Die haben mich eingeladen zu einem Ausflug nach Esrange. Esrange ist die Raketenbasis bei Kiruna, wo man wissenschaftliche Untersuchungen macht, die aber auch mit eingebettet ist in die militärischen Forschungen zur Militarisierung unseres Weltalls. Außerdem ist Esrange ein Teil von „NEAT“, das heißt „North European Aerospace Testrange“. Da haben wir eine interessante Führung gemacht. Dann sind zwei dieser Frauen zu Ostern nach Brüssel gefahren und haben das NATO-Hauptquartier mit eingenommen, waren auch festgenommen, kamen zurück und haben ihre Handfesseln gezeigt. Sie hatten auch Flugblätter mit, was alles in Europa los ist. Da entdeckte ich, dass in Büchel 20 Atomwaffen sind, wo man dann diese Umrundung gemacht hat, sieben Jahre lang. So wie in Jericho: siebenmal umrunden, dann sollten die Atomwaffen ja weg sein, aber leider sind sie nicht weg. Deswegen bin ich jetzt schon ein zweites Mal in Büchel. Ich lebe hier in der Nähe, nämlich auf der anderen Moselseite, nur etwa 100 km von hier, und bin gewohnt, hier an Büchel vorbei zu fahren, wenn ich meine Pferde transportiere. Ich war natürlich entsetzt, dass nach dem Kalten Krieg immer noch Atomwaffen hier in Deutschland lagern.

Sichelschmiede: Du bist seit 40 Jahren in Deutschland, bist aber auch öfter wieder für längere Zeit in Schweden. Was habt ihr in deiner schwedischen Heimat mit Jagdbombern und Kriegsübungen zu tun?

Ilona: Wir sind genauso gerüstet wie in der ganzen Welt. Wir haben ein sehr fleißiges Militär. Wir hatten bis vor kurzem noch viel mehr Luftwaffenbasen, weil wir ja diese Jas Gripen Flugzeuge haben, die Bomben abwerfen können. Heute will man einige dieser Basen nicht mehr haben. Gerade die Basis des Jagdbombergeschwaders F-21 oben in Luleå sollte geschlossen werden. Aber nachdem jetzt die NATO-Übung im Juni war, ist wohl ziemlich wahrscheinlich, dass sie nicht geschlossen wird.

Sichelschmiede: Was war das für eine NATO-Übung?

Ilona: Diese NATO-Übung nannte sich Loyal Arrow. Es waren etwa 60 Flugzeuge eingeladen aus verschiedenen Ländern, u.a. Polen, Türkei, Portugal, Deutschland, Schweden, Finnland und USA, obwohl weder Finnland noch Schweden in der NATO sind, sondern beide nur der PFF, also Partnerschaft für Frieden, angeschlossen sind. Diese Übung hatte dann auch noch einen Flugzeugträger aus England mit dabei, im bottnischen Meerbusen, angeblich in internationalen Gewässern, nur ist wohl der Streifen sehr dünn. Auf diesem Flugzeugträger waren mindestens auch noch 10 Flugzeuge mit etwa 1000 Mann Personal.

Sichelschmiede: Haben die nur in der Luft geübt, oder gibt es dort auch einen Bombenabwurfplatz, wo sie Bombenwerfen geübt haben?

Ilona: In der Nähe von Luleå, wo diese Militärbasis ist, gibt es seit Ende der 50er Jahre eine Raketenbasis, wo sie Bomben ausprobieren können. Deutschland hat dort sehr oft Bombenabwürfe geübt. Neue Waffen werden dort ausprobiert. Der Platz heißt Vidsel, befindet sich aber etwas weiter nordwestlich als der Ort Vidsel liegt. Es ist ein relativ großes Gebiet, das von den Samen, von der Urbevölkerung verlassen werden musste. Die bekamen dann Geld, um außerhalb von diesem Gebiet zu wohnen. Sie dürfen noch ihre Rentiere dort haben. Wenn die Bombenabwürfe stattfinden sollen, wird meist mit Hubschraubern gesucht, wo die Rentiere stehen. Es ist ein sehr reger und sehr guter Kontakt zwischen Militär und Samen, sagen die Samen.

Sichelschmiede: Wie wirkt sich denn so etwas wie diese Übung im Juni aus auf die Menschen die dort leben und auf die Rentiere?

Ilona: Gerade im Juni war es natürlich sehr prekär, und das habe ich selbst dann auch plötzlich verstanden, denn ich suchte die Samen zu Ostern. Da hieß es „Die sind oben im Kalbungsgebiet und passen auf, dass Wolf, Vielfraß und Luchs die Tiere nicht stören. Die Kalbungsgebiete liegen ziemlich weit oben im Gebirge, dort ist es sehr schwer die Menschen zu erreichen. Es hieß „Die kommen erst nach dem Kalben, also im Juni, runter.“ Darauf sagte ich „Das ist aber schlimm, zu dem Zeitpunkt kommen ja die Flugzeuge, und dann wird ihre ganze zweimonatige Arbeit total umsonst sein, wenn die ersten Flugzeuge dort herumfliegen.“ Es war ursprünglich so gedacht, dass die auf 100 m Höhe üben sollten, einander jagen und abschießen, wie wir das von Deutschland her kennen, diese normalen Militärübungen. Ich habe die Möglichkeit gehabt, einige zu engagieren, bzw. zu arrangieren dass die sich engagierten. Das Militär hat dann versucht, die Samen zu treffen, hat aber eine sogenannte Blitzbegegnung gemacht, und daraufhin konnten sie natürlich kaum welche erreichen, weil die alle im Gebirge waren. Wir glauben aber und haben gehört, dass das Militär nach den Bombenabwürfen auf 3000 Meter hochsteigen sollte, um dort ihre Übungen zu machen, um eben diese Kalbungsgebiete nicht zu gefährden. Es sind ja nicht nur die Rentiere, die gefährdet waren, sondern auch die Elche. Die Elchkühe verlassen ihre Kinder, wenn sie gestört werden. Die ganzen Vögel, Adler usw., hatten auch ihre Brut Anfang Juni. Es war ein ganz böses Szenario. Man kann natürlich über dieses große Gebiet nicht genug erfahren, um wirklich zu wissen, wo sie waren und wie groß der Schaden war.

Sichelschmiede: Das heißt, die Elchkühe oder auch die Rentierkühe verlassen ihre Jungen, wenn die von Flugzeugen gestört werden, und die sind dann Gefahren ausgesetzt?

Ilona: Ja. Da steht ja der Wolf oder der Vielfraß um die Ecke und wartet. Auch der Bär ist ja zu dem Zeitpunkt aufgewacht und ist ziemlich hungrig Die Tierwelt in Schweden ist heute durch das neue Engagement der Tierschützer so übertrieben, dass die Rentierhalter einen großen Verlust haben an Tieren, weil es zu viele wilde Tiere gibt.

Sichelschmiede: Lass uns noch einmal zurückkommen zu der Übung. Die Militärs haben auf das Anliegen der Samen reagiert, in dem sie nicht so tief geflogen sind, außer zum Bomben abwerfen. Trotzdem wart ihr als FriedensaktivistInnen nicht zufrieden mit der Übung. Was hat es für Aktionen dagegen gegeben?

Ilona: Die größte Aktion war von der Gruppe Unfug, oder ofog, wie sie im Schwedischen heißt. Das ist eine Gruppierung aus relativ jungen Menschen, aber jeder und jede kann mitmachen. Diese Gruppe ist bereit, kleine unerlaubte Sachen zu machen und das auch auszubaden im Gefängnis oder so. Sie haben dort oben versucht, die Übungen zu stören. Teils dort, wo das Militär zum Flughafen fuhr – mit Straßensperren, Straßentheater oder Clowns, die den Weg versperrt haben, so dass das Militär nicht anfahren konnte. Andere sind auf den Bombenabwurfplatz vorgedrungen. Die ersten wurden gleich am nächsten Tag gefasst und rausgeführt. Die nächsten zwei Gruppen à drei Leute waren über mehrere Nächte drin und wurden nicht gefasst. Obwohl sie gesagt haben, dass sie drin waren, und auch Bilder zum Militär und zur Polizei schickten, dass sie drin waren, hat das Militär behauptet, sie seien nicht drin, sie würden lügen, und haben weiterhin Bomben abgeworfen. Insofern konnten sie nur zum Teil stören, aber sie haben wenigstens das erreicht, was sie wohl auch wollten: Zwei von diesen sechs sind angeklagt, und es wird irgendwann mal einen Gerichtstermin in Nordschweden geben.

Sichelschmiede: Wie reagiert die schwedische Öffentlichkeit auf diese Ereignisse?

Ilona: Viele sagen, wir brauchen die NATO. Viele sagen, wir brauchen die Arbeitsplätze. Gerade Nordschweden kämpft sehr mit Arbeitslosigkeit. Bei Arbeiten im Wald werden mehr Maschinen eingesetzt als Menschenkraft. Der Konzern Vattenfall, der ja die Elektrizität aus Wasserkraft macht, braucht auch kaum Leute, außer wenn sie wieder mal einen Staudamm errichten müssen. Deshalb wird Nordschweden ziemlich entvölkert. Man sagt den Leuten, sie sollen umziehen nach Südschweden. Man unterstützt eigentlich nicht, dass es ein wundervoller Teil ist von Schweden um da zu leben.

Sichelschmiede: Spielt der Tourismus in der Gegend eine Rolle? Ilona: Ja. Der Tourismus, besonders der Sommertourismus, der Wandertourismus ist groß. Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass die NATO sich dort oben etabliert, dann werden es wohl die Menschen, die dort Urlaub machen, nicht lustig finden, dass sie immer wieder gestört werden, wenn sie den sogenannten Kungsleden, den Königspfad laufen oder die anderen wunderschönen Wanderwege, die es da oben gibt.

Sichelschmiede: Gibt es vor Ort dort Gruppen, die sich gegen diesen Flugbetrieb und die NATO-Übungen wehren?

Ilona: Ja. Einige parteipolitische Gruppen: Die Linken und die Kommunisten und die Umweltpartei. Aber unsere heutige Regierung ist leider dafür. Die Sozialdemokraten waren diejenigen, die 2004 erlaubt haben, dass dort oben Übungen stattfinden, haben aber den Reichstag nicht informiert. Anlässlich dieser Übungen hat sich ein Netzwerk gegen die NATO gebildet mit dem Slogan „NATO raus aus Schweden“. Die werden jetzt weiter arbeiten, indem sie auch die Atomrüstung angreifen. Vor einem Jahr hat man einen Stafettenlauf angefangen in Schweden gegen die Atomwaffen. Man will bis nächstes Jahr erreicht haben, dass alle Städte in Schweden diesen Stafettenlauf mitgemacht haben; mit Unterschriftensammlungen usw., dass wir keine Atomwaffen haben wollen.

Sichelschmiede: Wie heißt die Gruppe, in der du Mitglied bis?

Ilona: Die heißt Kvinnor för fred, das heißt „Frauen für den Frieden“, der Zweig, der in Kiruna ansässig ist. Gerade oben in Kiruna ist Friedensarbeit jetzt wichtig, denn dort wird jetzt vermehrt nach Uran gesucht. Es ist wichtig, dass wir uns engagieren, damit sie nicht noch mehr Kernwaffen, nicht noch mehr Kernkraft in der Welt verbreiten. Wir haben aber den Eindruck, dass wir von Stockholm überhaupt nicht gehört werden. Es sind immerhin 1500 km von Stockholm bis zu uns. Wenn man sich Karten anguckt, dann hört Schweden irgendwo nach 1000 km auf, und dass da noch weitere 1000 km sind sieht man nicht. Nordschweden existiert sozusagen im Bewusstsein vieler SchwedInnen nicht. Man glaubt natürlich auch dass kaum Menschen da leben, kaum Tiere da leben, wenn man das nicht so wie ich jetzt entdeckt hat. Ich bin ja in Schweden geboren und aufgewachsen, aber ich war viel zu viel im Ausland und habe Lappland erst 2002 bereist.

Sichelschmiede: Wir haben ja hier bei uns in Deutschland gerade einen großen Sieg errungen für die FREIe HEIDe. Dort darf das Bombenwerfen nicht geübt werden. Ist diese Geschichte in Schweden bekannt? Ilona: Nein, absolut nicht.

Sichelschmiede: Wäre es hilfreich, auch ermutigend für die Menschen dort, davon zu erfahren?

Ilona: Ja, für uns auf jeden Fall, natürlich. Je mehr Austausch wir haben, desto besser ist es.

Sichelschmiede: Was können wir von hier aus für euch tun?

Ilona: Darüber reden, reden, reden. Mund-zu-Mund-Propaganda ist das allerbeste. Wenn diese Frauen damals nicht mit dem Flugblatt zu mir gekommen wären, das sie nicht selber lesen konnten, weil es in deutsch war – ich konnte es in deutsch lesen und konnte es weiter verbreiten. Genauso ist es hier – ich habe versucht, darüber zu reden, dass Büchel immer noch aktuell ist, dass die Atomwaffen noch nicht weg sind und dass wir aktiv sein müssen. Da oben heißt es dann „Ja, wir brauchen das Militär als Arbeitgeber, wir brauchen die NATO als Arbeitgeber.“ Sie meinen, dass das klingelnde Kassen gibt. Nur, sie vergessen, dass wenn die NATO kommt, sie alles einfliegen aus den USA. Da gibt es weder Mehrwertsteuer noch Einfuhrsteuer, sie kaufen weder Benzin noch andere Sachen, sie fliegen ja alles ein. Was für die Schweden natürlich ganz prekär werden wird, das ist dass die NATO-Leute Alkohol einfliegen und Zigaretten, natürlich sehr viel billiger als mit den vielen Steuern in Schweden. Dann wird das eben an Kinder verkauft, Kinder unter 21 dürfen in Schweden keinen Alkohol kaufen, aber die Amis würden das sicher machen. Darüber denkt keiner nach.

Sichelschmiede: Arbeitsplätze entstehen dann wahrscheinlich im Bereich der Prostitution.

Ilona: Sicher, und Prostitution ist in Schweden verboten. Mehr Geld für schwedische Schulen wird es nicht geben, die haben ihre eigenen Schulen, sie haben sogar ihre Schulbusse. Die fliegen sogar ihre Brote und Milch und Fleisch ein. Es gibt weder in dem einen noch in dem anderen Gebiet irgendwelche Pluspunkte. Vielleicht ein paar Bauarbeiter, die Häuser bauen. Aber die werden genauso wie hier in Deutschland am Ende Ruinen und kontaminierte Flächen hinterlassen, die man dann selber aufräumen muss. Die Vidsel-Basis ist ja sehr vergrößert worden für diese NATO-Übung. Ich habe selber gesehen, dass sie größere Tanks eingearbeitet haben im Erdreich für ihr Flugbenzin. Für diese Übung war es dann auch so – die norwegischen Flieger haben einen besonderen Notmotor, den sie mit Hydrazin starten. Dieses Hydrazin ist so giftig, dass die Krankenhäuser extra Bereitschaftsdienst haben mussten. Sie wurden eigens aufgeklärt, wie sie das zu behandeln haben. Wenn man nur einen Milliliter davon eingeatmet hat, sind angeblich Leber und Nieren kaputt. Deswegen war dort oben größte Bereitschaft, und wer das zahlt ist wohl der schwedische Steuerzahler. Es gibt keine klingelnden Kassen.

Sichelschmiede: Wir haben bei uns gerade diesen Erfolg erzielt, aber wir haben auch immer gesagt „Hier nicht und nirgendwo“. Es geht uns nicht nur darum, dass die bei uns nicht üben, sondern dass die nirgendwo für den Krieg üben. Insofern nehmen wir das jetzt auch mit zurück in die Region Kyritz-Ruppiner Heide, werden davon berichten und schauen, ob sich da nicht Kontakte knüpfen lassen. Vielleicht können wir mit Informationen darüber, wie es bei uns gelungen ist, euch Mut machen und Ideen geben.

Ilona: Genau. Und ihr seid herzlich eingeladen, nach Lappland zu kommen.

Sichelschmiede: Danke, und danke für das Interview.

Das Interview führte Ulrike Laubenthal am 27. Juli 2009

 

Weiterführende Links:

Gruppe Ofog ("Unfug"):  www.ofog.org
Kvinnor för Fred / Frauen für den Frieden: www.kvinnorforfred.se
Fredskoalitionen Göteborg: www.fredskoalitionen.se

Kontaktadressen der Frauen für den Frieden Kiruna geben wir Interessierten auf Anfrage weiter.

Termine:

Wann Was und Wo Wer
10.-11. Oktober 2009 Uran-Symposium in Boden, Nähe Luleå

"Abbauen - Anreichern - Endlagern"

Kontakt: birgit.lindberg at tele2.se
17. Oktober 2009 Veranstaltung in Stockholm:

- globale Ausbreitung der NATO
-NATO im Weltall

Kontakt: agneta.norberg at gmail.com
6.-8. November 2009 Internationale Konferenz zur Atomaren Abrüstung
Stockholm
www.nucleardisarmament.se